Über 50% aller Menschen sehen mittlerweile ihr Smartphone oder Tablet als wichtigsten Weg das Internet zu nutzen. Die so oft herbeibeschworene „Post-PC-Welt” ist hier aber wir gestalten Websites immer noch so, wie wenn das nie passiert wäre.

Das iPhone hatte heuer seinen achten Geburtstag

Es ist erstaunlich was sich alles getan hat. Vor 2007 gab es noch WAP, Nokia beherrschte die Welt und in der Geschäftswelt gab es noch den PDA. Wir konnten gerade mal telefonieren, SMS senden und ein paar Spiele spielen. Bilder per MMS schicken war gerade total der Hype (und echt teuer und somit super für die Umsätze der Mobilfunkbetreiber).

Dann kam 2007. Und damit eine Revolution. Ein Handy konnte jetzt auch Vieles mehr. Internet, E-Mail ging zwar vorher auch schon. Aber jetzt funktionierte es wirklich gut (und man brauchte dafür kein Blackberry mehr). Was wir mit unserem Handy machen konnten, wurde auf einmal nicht mehr von unserem Netzbetreiber festgelegt. Auf einem vergleichsweise offenen Marktplatz konnte auf einmal jeder Entwickler alle seine Apps veröffentlichen.

Doch, man muss schon sagen: Anfangs lief das noch ein bisserl schleppend. Ich schätze Apple sehr und mit iPhones kann man beim Kauf nichts falsch machen. Aber günstig zu haben sind iPhones echt nicht (das macht aber auch einen Teil des Reizes aus, das muss ich auch zugeben).

Aber 2009 hat Google mit Android dann eine günstigere Alternative auf die Welt losgelassen. Das Smartphone eroberte den Markt im Sturm.

PCs are going to be like trucks. They’re still going to be around, they’re still going to have a lot of value, but they’re going to be used by one out of X people.

Steve Jobs

2010 brachte dann Apple mit dem iPad den eingeschlafenen Tablet Markt in Schwung. Und die Post-PC Welt wurde Jahr für Jahr heraufbeschworen. „PCs are going to be like trucks. They’re still going to be around, they’re still going to have a lot of value, but they’re going to be used by one out of X people.”, sagte Steve Jobs damals und das sollte sich als richtige Voraussage entpuppen. Doch das sollte bis 2015 dauern.

2015. Willkommen mitten in der Post-PC Welt.

2015. PDA, Blackberry und Nokia sind praktisch tot. Der PC Markt schrumpft seit Jahren. „Moore’s Law” gilt für PCs schon lang nicht mehr. Dafür gilt es jetzt für Tablets und Smartphones. Das neue iPad Pro ist bereits so schnell wie ein voll ausgestattetes MacBook Pro von 2013. Nach 5 Jahren sind Tablets und PCs bei der Geschwindigkeit nahezu gleich auf.

Die Post-PC Welt ist hier, und das sind die Zahlen:

  • Über 80%1 aller Menschen bis 50 Jahre besitzen ein Smartphone. Bis 29 Jahre sind es sogar 94%1
  • Über 75%1 aller Menschen bis 50 Jahre nutzen das Internet auf ihrem Handy. Bei den bis 29 Jährigen sogar 91%1
  • Über 68%1 aller Menschen bis 50 Jahre nutzen das Internet am Handy täglich
  • Über 50%1 aller Menschen sehen mittlerweile ihr Mobiltelefon oder Tablet als wichtigsten Weg das Internet zu nutzen
  • Laut Statistik Austria verwenden bei den 16 bis 24 Jährigen rund 95%2 das Internet auf dem Smartphone und auf dem Notebook nur mehr 50%2

Und das sind nur die Zahlen für Österreich.

Hier ein Tweet von Benedict Evans der zeigt, wie im Vereinigten Königreich Smartphones und Tablets PCs und Laptops als den wichtigsten Zugang zum Internet abgelöst haben:

Und am diesjährigen „Black Friday” hat Mobile bereits Desktop beim Online-Shopping überholt:

Die Technologie, die dem Menschen am Nähesten ist, gewinnt letztlich immer

Auch wenn wir es uns vor 5 Jahren nicht vorstellen konnten, es war absehbar, dass Mobile den PC überholen würde. Die Geschichte zeigt uns: Die Technologie, die Menschen am Nächsten ist, gewinnt letztlich immer. Ein Smartphone ist genau diese Technologie.

Ich denk mir: Smartphones und Tablets sind eigentlich die besten Personal Computer, die man haben kann. Sie sind kompakt, leicht, trotzdem leistungstark, immer dabei, immer und überall mit dem Internet verbunden und im Gegensatz zu einem PC auch unterwegs lange nutzbar3.

Fraser Speirs schreibt in einem sehr unterhaltsamen Blog Eintrag:

„Firstly, consider the hardware. The huge issue with the MacBook Pro is its form factor. The fact that the keyboard and screen are limited to being held in an L-shaped configuration seriously limits its flexibility. It is basically impossible to use a MacBook pro while standing up and downright dangerous to use when walking around. Your computing is limited to times when you are able to find somewhere to sit down.”

Im Vergleich zu einem klassischen PC, braucht ein Smartphone oder Tablet keine komplizierten Eingabegeräte mehr, wie Maus und Tastatur. Wir bedienen direkt mit unseren Fingern. Indem wir berühren was wir am Bildschirm sehen. Es gibt praktisch keine Schadprogramme. Backups funktionieren nahtlos im Hintergrund, automatisch in die Cloud. Speicherplatz ist durch die Cloud praktisch unbegrenzt.

Diese Form des Computers ist erstmals wirklich für jeden Menschen leicht zugänglich, auch für Menschen mit Einschränkungen.

Aber, was hat das alles jetzt mit Web-Design zu tun?

Irgendwie gestalten wir Websites immer noch so, wie wenn das alles nie passiert wäre

Aber trotz all dieser Zahlen und Fakten, trotz unserem Bauchgefühl als Nutzer dieser Technologien, beginnen wir bei der Gestaltung einer Website immer wieder bei dem, was wir selbst als Designer auf unseren PCs sehen.

Wir gestalten so, dass unsere Designs auf hochauflösenden, geräumigen, teuren farbtreuen Bildschirmen brilliant aussehen. Und arbeiten dann rückwärts. Zu dem was Menschen am Smartphone sehen. Ich nehme mich hier gar nicht aus. Selbst hab ich das auch x-mal so gemacht.

Mir wurde klar: das Verhalten der Menschen hat sich geändert. Der PC ist nicht mehr der Hauptzugang zu unseren Designs. Wenn wir also zuerst für den Desktop gestalten, dann gestalten wir das am Besten, wovon die wenigsten Leute etwas haben. Wir gehen nicht auf die Menschen ein, die Websites nutzen. Sondern wir denken nur an uns selbst. Und das ist für mich nicht Design. Denn bei gutem Design geht es, no na, vorrangig um Empathie gegenüber den Menschen, die nutzen.

Klar, die Erfahrung von Menschen mit Desktops und Laptops sollte auch OK sein.

Dennoch, drängt sich die Frage auf: Sollten wir nicht die meiste Aufmerksamkeit in die Gestaltung dessen investieren, wovon die meisten Menschen profitieren?

Wir schließen sogar aktiv Menschen aus, wenn wir nicht primär für mobile Nutzung gestalten

Hier lehne ich mich vielleicht ein wenig aus dem Fenster, aber denken wir an die viele verschiedenen Lebenslagen, in denen Menschen sich befinden können.

Denken wir beispielsweise an Eltern, die ein Kind großziehen. Kinder kann man ja bekanntlich die ersten Jahre nicht aus den Augen lassen. Das heißt man kann sich nicht einfach zum PC hinsetzen wenn man Infos braucht. Aber das Smartphone lässt einen da nicht im Stich.

Oder denken wir an Flüchtlinge. Vom mickrigen Taschengeld kann man sich keinen PC leisten. Ein brauchbares Smartphone bekommt man schon um 100€ oder weniger. Und ein Smartphone bietet auch Zugang zu Arbeitssuche, Sprache, Vernetzung, Integration und Kommunikation mit den verstreuten Familienangehörigen. Wohin man auch geht.

Smartphones geben vielen Menschen Zugang zum Internet, für welche die Nutzung sonst nicht möglich wäre.

Also, wenn wir vorrangig für unsere PCs gestalten, dann lassen wir diese Leute im Stich. Wir bieten ihnen nicht die Erfahrung, die sie verdienen.

Ich finde das nicht richtig. Wir gestalten um Menschen das Leben leichter zu machen, nicht schwerer. Die Welt besser hinterlassen, als wie sie vorgefunden haben.

Mobile First Design als Chance

Wir müssen uns also auf ein, eigentlich schon recht altes, Mantra zurückbesinnen: Die Nutzer kommen zuerst.

Und Nutzer verwenden primär ein Smartphone und sekundär ein Tablet. Das heißt das Smartphone kommt in der Gestaltung zuerst.

Klar fallen uns Gestaltungsmöglichkeiten weg. Gitter machen in diesem Kontext fast keinen Sinn. Mit Weißraum sollte man nicht übertreiben. Komplexe Navigationen kann man fast nicht machen. Wir werden als Gestalter neu gefordert.

Als Gestalter können wir es aber auch als neue Chance sehen. Wir müssen uns nicht mehr so um Layouts und Gitter sorgen. Wir können unsere Kunden von adaptiven Design-Systemen überzeugen, die den Nutzern in einer Vielzahl von Situationen gut zur Seite stehen und dem Kunden für lange Zeit effektiv dienen.

Wir können uns vom Perfektionismus lösen und akzeptieren, dass wir nicht jeden Kontext perfekt gestalten können.

Wir können uns wieder mehr den Inhalten zuwenden. Wir können die Inhalte und unsere Angebote schärfen. Unser Markup können wir auf das Nötigste reduzieren.

Wir können die Chance ergreifen und organische Inhalte wahrnehmen und gestalten, ohne sie in ein vorgefasstes Schema zu pressen.

Wir können Inhalte umfassend strukturieren, damit sie in mehr als nur einem Kontext verwendbar sind. Wir können umfassende Inhalte bieten, weil Menschen auf Smartphones das auch wirklich lesen.

Wir können mit qualitativer Typografie einen guten Eindruck hinterlassen. Weil wir Altlasten, wie niedrige Bildauflösungen bei Bildschirmen, hinter uns lassen können, kann man durch eigenständigere Schriften unseren Inhalten mehr Farbe geben.

Wir können uns um gute Performance unserer Websites bemühen und so Menschen, die keinen Zugang zu schnellen Breitband haben, auch die Nutzung von Internet-Diensten ermöglichen.

Wir können Dienstleistungen und Produkte komplett neu denken. Wir können uns von organisatorischen und technologischen Altlasten befreien.

Wir können viele neue Menschen erreichen, die wir vorher nicht erreichen konnten. Menschen, die sich keinen klassichen PC leisten können. Oder Menschen, denen die Bedienung eines PCs zu schwierig ist.


I for one, welcome our Post-PC overlords.

Fußnoten

  1. Quelle: Mobile Communications Report 2015  2 3 4 5 6

  2. Quelle: Statistik Austria. Leider sind da aber die Tablets bei den Notebooks eingerechnet, was eigentlich keinen Sinn macht. Darum ist diese Statistik leider nicht voll aussagekräftig, was den Aufstieg des Portable Computings ausmacht.  2

  3. Wie lang hält der Akku bei einem klassischen Laptop? Bei einem Standard Laptop für einige hundert Euro vielleicht 3 oder 4 Stunden. Bei einem teureren zwischen 7 und 12 Stunden. Aber der kostet dann schon über 1000€. Da ist ein Smartphone mit 24 Stunden Laufzeit, fast der selben Power, und um das halbe Geld, eigentlich schwer in Ordnung.